Akademische Luft im Hochgebirge

Die sozioökonomische Entwicklung entfalten und damit die Abwanderung aus den sturkturschwachen Berggebieten bremsen: Diese Absicht steckt hinter der im Jahr 2000 beschlossenen Gründung der „Universität von Zentralasien“ (UCA), deren erster Campus jetzt eingeweiht wurde.

Wer im mittelasiatischen Hochgebirge bauen will, muss mit einigen Stolpersteinen rechnen. Widrige Wetterbedingungen erschweren die Arbeiten, zudem drohen Bergstürze, im Winter Lawinen und bei der Schneeschmelze Hochwasserkatastrophen.

Derartige Vorhaben in luftiger Höhe haben so ihre Tücken. Das wissen  die Erbauer der privaten, an westlichen Vorbildern orientierten „Universität von Zentralasien“ (UCA), auf  Initiative des Genfer Aga-Khan-Entwicklungsnetzwerk akdn mit Tadschikistan, Kasachstan und Kirgisien im Jahr 2000 vereinbart, aus leidvoller Erfahrung. Seit der Grundsteinlegung vergingen 12 Jahre, bis der erste der drei Campusse den Lehrbetrieb aufnehmen konnte. 

Westlicher Campus im Landschaftspark

UCA Naryn Von den steilen Felswänden des Tian-Shan-Massivs an der Grenze zu China gerahmt, erstreckt sich der Campus auf einem etwa 2000 Meter hohen Plateau oberhalb der ehemaligen Bergbaustadt Naryn in Kirgisien. Wo früher Nomaden mit ihren Herden durchzogen, fallen heute im Herzen eines grosszügig bemessenen Landschaftsparks die schlicht gestalteten dreistöckigen Gebäude für Studienbetrieb, Unterkünfte sowie Freizeitaktivitäten ins Auge. 

Die Gesamtkosten in Höhe von 250 Millionen US-Dollar stammen vornehmlich von Grossbanken und mehreren westlichen Ländern. An der Spitze stehen die USA, Deutschland und Frankreich, auch die Schweiz beteiligt sich. Der kirgiesische Campus ist zunächst für 150 Studierende und 100 Lehrpersonen ausgelegt. Im September hat knapp die Hälfte der Kursteilnehmenden Quartier bezogen. Sie kommen aus den drei Partnerländern sowie aus Afghanistan und Pakistan.

Zu nahe am Erdbebengebiet

Dass sich der ursprünglich ehrgeizige Zeitplan nicht einhalten liess, geht nach Angaben von Nisar Keshvani, Pressesprecher der Hochschulverwaltung in der kirgiesischen Hauptstadt Bischkek, auf  langwierige Verhandlungen mit den drei Regierungen zurück. Die Suche nach geeignetem Baugelände und eine angemessene architektonische Gestaltung standen dabei im Vordergrund.

Sicherheitsprobleme sorgten für weitere Verzögerungen; als sich herausstellte, dass der Naryner Campus gefährlich nahe an einer seismischen Verwerfungslinie vorgesehen war, „mussten wir mit der Planung vollständig von vorne beginnen“, berichtet Keshvani.

Und auf dem mit Felsbrocken übersäten Standort im kasachischen Tekeli habe man die Kosten und den Zeitaufwand für die Beseitigung der Stolpersteine, aus denen das Material für die Gebäude gewonnen wird, krass unterschätzt. Derzeit herrscht in Bischkek das Prinzip Hoffnung: Der tadschikische Standort Khorog könne frühestens 2018 den Betrieb aufnehmen, im Fall von Tekeli müsse man sich noch mindestens zwei Jahre länger gedulden, heisst es.

Eine Hochschule in drei Ländern

UCA Naryn © Gary Otte Erst wenn das Campus-Trio mit seinen verschiedenen Studienschwerpunkten komplett ist, lässt sich die zentrale Idee der Hochgebirgsuniversität verwirklichen. Die Kursteilnehmenden sollen demnach während des Studiums von einem Campus zum anderen wechseln und die dreiseitige UCA auf diese Weise als regionale und auf die spezifischen Bedürfnisse der Bergbevölkerung ausgerichtete Gesamtuniversität begreifen. Nicht umsonst hatte man Wert darauf gelegt, dass die Standorte möglichst nahe an der einstigen Seidenstrasse durch Zentralasien liegen. So sollte der verbindende Charakter der Hochschule auch symbolisch hervorgehoben werden.

Nach einheitlichen Kriterien gestaltet, dürften die Campusse, in denen später maximal jeweils 1200 Studierende leben sollen, den akademischen Nachwuchs Mittelasiens zunächst in Erstaunen versetzen. Denn der japanische Stararchitekt Arata Isozaki, der bereits durch verschiedene Projekte in gebirgigen und erdbebengefährdeten Regionen auf sich aufmerksam machte, hat die Bereiche Lernen, Leben und Freizeit nicht wie sonst üblich deutlich  voneinander getrennt angelegt. Indem er zwischen den architektonischen Komponenten fliessende Übergänge schuf,  setzte er sie in enge Beziehungen. So führt in Naryn nach einer Vorlesung der Weg direkt in die Cafeteria, wo man sich entspannt. Und umgekehrt: Die Privatsphäre der Studierenden ist nur wenige Schritte von den Übungsräumen entfernt.

Wo sich akademische Elite und Dorfgemeinschaft treffen

Fraglos übernimmt der Freizeit- und Sportbereich mit dem Landschaftspark die Schlüsselrolle. Diese Campusteile stehen nicht nur den Studierenden zur Verfügung. Sie dienen als offen gestaltete Begegnungsorte, an denen die akademische Elite und die Dorfgemeinschaft ins Gespräch kommen. Um die Bezüge zur umgebenden Bergwelt optisch in Szene zu setzen, hatte man lokalen Baumaterialien den Vorzug eingeräumt.

Auch der Aufbau der Studiengänge wird den Studienanfängern einiges abverlangen. Unterrichtssprache ist durchgehend  Englisch. Da viele Teilnehmer den fremdsprachlichen Ansprüchen nicht genügen, wurden die Studiengänge, bei denen Fernunterricht eine wichtige Rolle spielt, durch ein Vorbereitungsjahr ergänzt. Immerhin können sie notfalls auf die in den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach wie vor präsente russische Sprache zurückgreifen.

Die UCA versteht sich als moderner Gegenentwurf zu den darniederliegenden Staatsuniversitäten der drei Länder. Über ein Vierteljahrhundert nach der Unabhängigkeit weiterhin postsowjetischen Denkmustern verhaftet, befinden sie sich in den Hauptstädten und betreiben nicht selten eine Ausbildung am Arbeitsmarkt vorbei. Von den Bedürfnissen der Bewohner  isolierter Randregionen sind sie nicht selten Lichtjahre entfernt.

Gemeinsames Kulturerbe der Bergwelt

UCA Naryn © Gary OtteDie künftigen Absolventen der Hochgebirgsuniversität, die international anerkannte Bachelor- und Master-Abschlüsse in natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen anbietet, sollen nach dem Willen der Gründer vorrangig die sozioökonomische Entwicklung in den entlegenen und rückständigen Berggebieten ankurbeln, indem sie neue Arbeitsplätze selbst schaffen. Während in Khorog Geo- und Umweltwissenschaften auf dem Programm stehen, empfiehlt sich Tekeli mit Ingenieur- und Verwaltungswissenschaften sowie einem Business- und Management-Schwerpunkt. In Nayrin kann man sich nicht nur auf Computer-, Medien- und Kommunikationswissenschaften spezialisieren. Dort wurde zudem das Institut für Kulturerbe und Geisteswissenschaften untergebracht.

Zwar haben die drei Länder seit 1991 politisch, wirtschaftlich und sozial unterschiedliche Wege eingeschlagen, dafür weisen sie in kultureller Hinsicht zahlreiche Gemeinsamkeiten auf.  Das reiche Erbe der zentralasiatischen Gebirgswelt, etwa auf musikalischem und kunsthandwerklichem Gebiet, soll dort zusammen erforscht, dokumentiert und für die Nachwelt bewahrt werden.

Gemäss Gründungsvertrag muss die Hälfte des Lehrpersonals aus dem zentralasiatischen Raum stammen. „Die Suche fällt nicht leicht, viele geeignete Dozenten sind aus diesen Ländern abgewandert“, bekennt der ukrainischstämmige UCA-Generaldirektor Bohdan Krawtchenko, der sich in Toronto auf dem Gebiet Verwaltungs- und Wirtschaftspolitik einen Namen gemacht hat. Auch die Stelle des Rektors ist nach wie vor vakant.

Grösste Erfolge bei der Berufsfortbildung

Bis die UCA den vollen Betrieb aufnehmen kann, wird man sich noch einige Zeit gedulden müssen. Ob die für mittelasiatische Verhältnisse ungewöhnliche Hochschule in ungebrochen zentralistisch verwalteten Ländern allerdings die Abwanderung aus den Randgebieten tatsächlich spürbar bremsen kann, wird sich erst noch weisen müssen.

Bereits beachtliche Fortschritte konnte die Universität indessen auf dem Gebiet der beruflichen Fortbildung erzielen. Seit 2006 haben sich an insgesamt sieben Lernzentren in den drei Ländern gut 73‘000 Jugendliche und Erwachsene in die zertifizierten Kurse eingeschrieben, Frauen machen inzwischen die Hälfte aus. Buchhaltung, IT, Existenzgründung und Englisch führen nach UCA-Angaben die Beliebtheitskala an. Damit schliesst die Hochschule eine Bildungslücke, da solche Kurse im staatlichen Angebot der drei Länder immer noch Mangelware sind.

Der Ansatz hat sich bewährt und konnte inzwischen auf  denkbar einfache Weise von Tadschikistan auf das Nachbarland Afghanistan übertragen werden: Kursteilnehmer aus der afghanischen Provinz Badachschan gründeten nach ihrer Rückkehr ihre Lernzentren und bilden neue Kursleiter heran. Dafür brauchen sie weder Russisch noch Englisch, da in beiden Ländern westiranische Sprachen gesprochen werden. Damit geht zudem ein Kulturtransfer einher: Neuerdings zeigen dort auch Frauen, ungewöhnlich für afghanische Verhältnisse, stärker Flagge.

UCA Naryn
Alle Bilder © Gary Otte