Seltsame Kapriolen

Nachdem der deutsche Verband der Biokraftstoffindustrie (VDB) die Entwicklungsorganisation Brot für die Welt harsch für eine Spendenkampagne kritisiert hatte, die auf die Folgen der Agrotreibstoffproduktion beziehungsweise des Anbau von Energiepflanzen in Entwicklungsländern hinwies, unter anderem mit dem Argument, Agrotreibstoffe seien mit einem Bedarf von sechs Prozent an der Weltgetreideproduktion quasi bedeutungslos, vollziehen die Verantwortlichen nur wenige Wochen später eine Kehrtwende.

In einem Beitrag in der Berliner Zeitung lässt sich der Geschäftsführer des VDB, Elmar Baumann, zitieren, er verlange von der EU-Kommission, „die Einfuhr von Rohstoffen und Biokraftstoff zu verbieten, wenn klar nachgewiesen ist, dass in den Herkunftsländern Waldschutzgesetze missachtet und wertvolle Biotope vernichtet werden“ – er unterstützt damit nolens volens eine Position, die Umwelt- und Entwicklungsorganisation schon seit langem einnehmen. Auf der Webseite des Verbandes lässt sich wiederum nachlesen: „Die deutschen Produzenten von Biodiesel und Bioethanol dürfen ihre Rohstoffe nach den bestehenden gesetzlichen Vorgaben bereits jetzt nicht von ehemaligen Regenwaldflächen beziehen“.

Und weiter sagt Baumann in der Berliner Zeitung: „Nur durch die Ausweitung des Rodungsverbotes auf die Nahrungs- und Futtermittelproduktion ist ein Schutz von Regenwäldern möglich. Die EU-Kommission ist längst verpflichtet, sich hierum zu kümmern - aber sie liefert nicht". Auch das ist eine Forderung, die zweifellos berechtigt ist. Doch weshalb dann die Kritik an der Kampagne von Brot für die Welt und an Umweltorganisationen wie Greenpeace, die bezichtigt werden, im Interesse der Öllobby zu handeln? Sitzt der VDB nicht im gleichen Boot? Natürlich nicht. Denn es geht dem VDB vor allem darum, das Terrain zu ebnen für die künftige EU-Agrotreibstoffpolitik, die nach einem Vorschlag der Europäischen Kommission eine Plafondierung des Anteil auf fünf Prozent ab 2020 bei gleichzeitigem vollständigen Verzicht auf Förderung vorsieht – heute liegt der Anteil bei sechs Prozent, 2007, auf dem Höhepunkt des Biodieselbooms, waren es in Deutschland gar sieben Prozent gewesen. Das würde den hoch trabenden Plänen der europäischen Agrotreibstoffindustrie einen empfindlichen Dämpfer versetzen, zumal Agrodiesel aus Rapsöl oder Ethanol aus Mais wirtschaftlich keine Chance hat gegen die gleichen Produkte, die aus Palmöl oder Zuckerrohr gewonnen werden.

Ein faktisches Importverbot für Agrotreibstoffe aus Entwicklungs- und Schwellenländern wäre damit die Rettung der europäischen Agrotreibstoffplanzer und –produzenten – selbst wenn die Nutzung von Raps oder Mais für Treibstoffe genauso wenig Sinn macht wie mit anderen Pflanzen der so genannt „ersten Generation“. Ob Agrotreibstoffe der zweiten Generation, die nicht direkt aus Nahrungspflanzen gewonnen werden, sondern auf Abfallprodukte setzen, je aus den Startlöchern kommen, steht in den Sternen.